Startseite > Tanz > Tanz – ein Erfahrungsbericht 

PROFILKLASSE  TANZ

Ein Beispiel für kulturelle Schulentwicklung am Genoveva-Gymnasium


1.) Vorüberlegungen zum Projekt

a) Ausgangsfaktoren

  • Das Genoveva-Gymnasium liegt im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Mülheim, der geprägt ist durch einen hohen Anteil türkischstämmiger Mitbürger einerseits und einer Facharbeiterschaft mit hohem Arbeitslosenanteil andererseits.
  • In unmittelbarer Umgebung konkurrieren drei weitere Gymnasien um Schüler und Schülerinnen und jedes benötigt ein Alleinstellungsmerkmal.

  • Aufgrund seiner besonderen Geschichte hat das Genoveva-Gymnasium einen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund von 70 % , von denen aufgrund ihrer häuslichen Bedingungen sehr viele nicht nur einer Sprachförderung, sondern auch Hilfe bei den Hausaufgaben und weiterer Unterstützung bedürfen.

  • Die Herkunftsfamilien eines Großteils der Schülerinnen und Schüler sind kaum in der Lage, ihre Kinder mit künstlerisch – kulturellen Aspekten der Gesellschaft bekannt zu machen.

  • Die Landesregierung NRW institutionalisiert den Ganztag in Grund- und Hauptschulen.

b) Die Entstehung des Unterrichtsfaches Tanz

Im Schuljahr 2005/2006 gab es die Überlegung, an unserem Gymnasium eine Ganztagsklasse anzubieten, die ein besonderes Profil haben sollte.

In Zusammenarbeit mit dem nrw landesbuero tanz ist es uns gelungen, ein entsprechendes Konzept zu entwickeln und Tanz als zweistündiges, benotetes Unterrichtsfach im Ganztag anzubieten.

Da ein Gymnasium keinerlei finanzielle Unterstützung zur Einrichtung eines Ganztagsangebots erhält, tragen die Eltern und der Förderverein der Schule die Kosten sowohl für die Tanzpädagogin als auch die für den Ganztag (Möbel, Essen etc.).


2.) Erfahrungen und Ergebnisse nach (fast) drei Jahren Tanz als Unterrichtsfach

Ab dem Schuljahr 2006/2007 startete die Profilklasse Tanz mit 12 Schülerinnen und 12 Schülern. Nicht alle Kinder – und Eltern – waren an dem Unterrichtsfach Tanz interessiert; viele Eltern waren froh, auch an einem Gymnasium ein Ganztagsangebot für ihre Kinder zu finden. Andere jedoch haben gerade wegen des Faches Tanz das Ganztagsangebot in Kauf genommen.

Im Schuljahr 2007/2008 erweiterte sich das Angebot auf zwei Klassen mit insgesamt 45 Teilnehmern und aktuell (2008/2009) nimmt der Tanzunterricht der inzwischen drei Profilklassen (Jahrgänge 5, 6 und 7) einen gesamten Unterrichtsvormittag mit sechs Unterrichtsstunden in Anspruch.


  • Da Tanz als zusätzliches Unterrichtsfach verpflichtend ist, waren wir gezwungen, Organisationsformen für die Gestaltung eines Ganztages in einer herkömmlichen gymnasialen Struktur zu entwickeln ohne Unterstützung der Schulbehörde. Diese Herausforderung in der Schulentwicklung hat der Schule einerseits einen Erfahrungsvorsprung verschafft, da seit Februar 2009 auch Gymnasien eine Ganztagsbetreuung anbieten müssen; andererseits hat sich durch die zwangsläufig stärkere Mitwirkung der Eltern bei der Einrichtung des Ganztages eine sehr engagierte, am Schulleben interessierte Elternschaft herausgebildet, die sich über das Tanzprojekt hinaus intensiv an der Schulentwicklung beteiligt.
  • Neben diesem positiven Effekt im Hinblick auf Schulentwicklung zeigt sich, dass die Tanzklassen mit großer Freude, ja geradezu mit Feuereifer andere kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen (lit. cologne), sinfonische Konzerte in der Philharmonie oder die Angebote der Kinder-Universität wahrnehmen.Übergreifendes Lernen im Bereich der künstlerischen Fächer wurde im Jahr 2008 von der Stiftung „Kinder zum Olymp“ gewürdigt und als Beispiel für gelungene Verzahnung publiziert. In Zusammenarbeit mit einer freien Künstlerin gestalteten die Schüler und Schülerinnen einer Tanzklasse mehrere Bühnenbilder zu ihrer Tanzperformance.
  • Durch das Unterrichtsfach Tanz hat sich das Verhältnis von Jungen und Mädchen signifikant verbessert. Die Tatsache, dass es notwendig ist, sich während des Tanzunterrichts zu berühren, sich bei Hebefiguren zu stützen, einander zu vertrauen etc. führte schließlich zum Abbau der alterstypischen Vorbehalte gegenüber dem anderen Geschlecht, was sich wiederum überaus positiv im Schulalltag auswirkt bis hin zur Arbeit in Gruppen oder der Sitzordnung.
    Jungen, die Tanzen als „Mädchensache“ ansahen und aufgrund des Ganztagsangebots am Tanzunterricht teilnehmen mussten, machten sehr schnell die Erfahrung, dass es sich um ein Fach mit besonderen sportlichen Herausforderungen handelt. Umgekehrt mussten Mädchen feststellen, dass es Jungen mit deutlich höherer tänzerischer Begabung gibt.

  • Das Unterrichtsfach fördert in überraschendem Maße die Integration: Gerade einige Jungen türkischer Herkunft hatten zu Beginn des Unterrichts große Schwierigkeiten damit, die oben beschriebenen Vorstellung von ‚Tanz’ mit ihrem Selbstbild in Einklang zu bringen. Bis auf eine Ausnahme haben sich diese Probleme nach kurzer Zeit, nicht ohne sichtbaren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung dieser Schüler, aufgelöst.
  • Die spürbar gefestigtere Gruppenstruktur der Tanzklassen, die unaufgeregte Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander führen auch zu einem spannungsfreien, offenen Umgang mit den sie unterrichtenden Lehrern. Auffällig wird dieses Phänomen immer im Vertretungsunterricht: Ausnahmslos alle Kollegen, die als den Kindern unbekannte Lehrpersonen Unterricht erteilen mussten, zeigten sich verblüfft und erstaunt über die ungewöhnlich friedliche, kooperative, gelassene Grundhaltung der Klassen.

  • Nach der Erfahrung mit drei Jahrgängen lassen sich folgende Aspekte benennen, in denen sich die Tanzklassen signifikant von ihren Parallelklassen unterscheiden:

- Dialogfähigkeit;
- Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein;
- Körperhaltung und Ausstrahlung zeigen Selbstsicherheit und Souveränität;
- Akzeptanz von Regeln und Einsicht in die Notwendigkeit (Disziplin) sind gekoppelt mit
- hoher Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung;
- Kooperationsfähigkeit und Konfliktlösungsfähigkeit sind außergewöhnlich entwickelt, Zusagen untereinander werden eingehalten;
- ausgeprägte Frustrationstoleranz.


Da das Konzept der Profilklasse Tanz die beteiligten Eltern überzeugt, wirken diese im Stadtteil als Multiplikatoren, was sich u.a. in den aktuellen Anmeldezahlen für den kommenden 4. Jahrgang zeigt: Bereits nach 2 Tagen war die Fortführung der Profilklasse Tanz gesichert. Dazu beigetragen haben sicher auch Besuche von Grundschulklassen aus dem Stadtteil und die Möglichkeit der Teilnahme am Tanzunterricht einerseits und Aufführungen im größeren Rahmen, z. B. an der Sporthochschule Köln, andererseits. Dennoch bleibt eine stärkere Kooperation mit im Stadtteil verorteten Ansprechpartnern eine Herausforderung, der wir uns aufgrund der beschriebenen Ergebnisse stellen können.

 Diese Seite wird von Karsten Müller verwaltet.